Artikel aus der Zeitschrift "Motorwelt" vom 31. Oktober 1935:

Man kann einem Motorrad mit zwei sehr verschiedenen Grundeinstellungen gegenübertreten, mit der des Motorsportlers, der von seiner Maschine Feuer, Wendigkeit, totsichere Straßenlage und schnellste Erreichung der Geschwindigkeits-Spitzenleistungen erwartet, und mit dem Wunschtraum des Tourenfahrers, sich einem Kraftfahrzeug anzuvertrauen, das neben größtmöglicher Betriebssicherheit und Wirtschaftlichkeit ein gleichmäßig ruhiges, weiches und zugleich schnelles Reisen nicht nur auf Reichsautobahnen, sondern auch auf Straßen niederer Ordnung bis herab zum Schlaglochbesäten und tiefgefurchten Landweg erlaubt.Vor mir steht das seitengesteuerte Zündapp-K500-Gespann, ein ausgesprochenes Touren-Fahrzeug. Der geschlossene Aufbau der gesamten Maschine, einschließlich Zündapp-Stoye-Schwingachs-Beiwagen macht einen ausgereiften und unbedingt vertrauenserweckenden Eindruck. Der gut gekühlte querliegende 15-PS-Zweizylinder-Viertakt-Motor mit angeblocktem Viergang-Duplex-Kettengetriebe, Kardan-Antrieb und Kugelschaltung ruht in einem starken Preßstahlrahmen mit doppelt gefederter Preßstahlvordergabel. Der vollständig gekapselte Motor-Getriebeblock wirkt wuchtig und dennoch formschön. Das getarnte Triebwerk läuft in einem Ölbad und ist schmutzdicht gekapselt. Kurzum, eine für schärfste Dauerbeanspruchung gebaute, vorbildliche Allwettermaschine. Das Gespann ist nicht mehr neu, es hat bereits über 5000 Kilometer hinter sich, darunter auch mit gutem Erfolg den Winterfahrbarkeitswettbewerb 1935. Daß die Zündapp K500 ohne Bedenken rücksichtslos scharf gefahren werden kann, hat sie auch in allen anderen schweren deutschen Geländeprüfungsfahrten der letzten beiden Jahre glänzend bewiesen. Die immer wiederkehrende Urteile lauten: Zäh und unverwüstlich ! In dieser Hinsicht würde man auf einer weiteren Probefahrt zu keinem neuen Ergebnis kommen. Wie aber verhält sich die Maschine auf normalen Tourenfahrten, bei denen es nicht auf Höchstgeschwindigkeit, Überwindung geröllbesäter Steilhänge und schlammiger oder tiefsandiger Geländestrecken ankommt, sondern darauf, bei guten und mittelguten Straßen angenehm du im Gesamtergebnis doch schnell zu reisen? Eine auf zwei Tage verteilte, insgesamt – mit eingelegten kleinen Abstechern – rund 800 Kilometer lange Tour von Hannover nach Frankfurt a. M. und zurück über Berg und Tal, über gute Chausseen und vernachlässigte Sandwege soll mir die Beantwortung dieser Frage ermöglichen.

 

Eine vorbildliche Allwettermaschine. In starkem Preßstahlrahmen ruht der wuchtige, vollständig gekapselte Motor-Getriebeblock. Der querliegende, seitengesteuerte 500-ccm-Viertakt-Zweizylinder leistet 15 PS. Reichhaltiges Werkzeug und großer Akkumulator sind in geschützter Lage untergebracht. Der Tank faßt 12 Liter.

 

Zunächst der Start am frühen Morgen nach einer feuchtkalten Herbstnacht, die die Maschine im Freien hatte verbringen müssen: Drehgriff auf Spätzündung, Lufthebel geschlossen, Gasgriff etwa um ein Drittel geöffnet, Kickstarter einmal durchgetreten, Zündung eingeschaltet, zweiten Tritt auf den Starthebel und - - - der Motor brummt! Mehr kann man nicht verlangen. Noch eine Minute Warmlaufzeit, während der wohlbeleibte „Schmiermax“ in die sehr geräumige Ganzmetall-Karosse des Seitenwagens klettert und es sich bequem macht. Er ist in bester Stimmung, vor allem, weil er dank der großen Zelluloid-Windschutzscheibe seine geliebte Brasil weiterrauchen kann. Und dann geht´s auf und davon. Die gut wirkende Kupplung arbeitet weich, das Schalten ist spielend leicht, mit zwei Fingern möglich. Zündapp hat es verstanden, einen au fallen vier Gängen geräuschlosen und elastischen Antrieb zu schaffen. Die großen Vorder- und Hinterradbremsen wirken gleich gut, weich und doch unbedingt sichergreifend. Der seitengesteuerte 500-ccm-Zweizylinder ist auffallend elastisch, daß ich mich im vierten Gang durch den Großstadtverkehr hindurchschlängeln kann, ohne damit den leisesten Protest des Motors hervorzurufen.

 

Das Zündapp-Viergang-Duplex-Kettengetriebe der Modelle KK200, K350, K500 und K800

 

Dann liegt die freie Landstraße vor uns, und nun erst offenbart die Zündapp K500 ihr wahres Wesen, ihren eigenartigen Charakter, durch den sie sich eine ganz besondere Stellung in der Vielheit der deutschen und ausländischen Motorradmarken erobert hat. Die Zündapp K500 ist leise, so leise, daß man nicht das Gefühl des Fahrens, sondern des Gleitens hat. Als Fahrer hört man bei höherer Geschwindigkeit nur den an den Ohren vorbeipfeifenden Fahrwind, sonst nichts. Der Beifahrer im Seitenwagen, dessen Ohr dem Motor näher ist, hört dazu noch ein Ticken, „wie bei einer Nähmaschine“. Man hat das Empfinden, als ob man die Maschine mit abgestelltem Motor bergab rollen läßt. Wirklich fabelhaft !

Dieses wunderbare Gefühl des Dahingleitens behalte ich während der ganzen Fahrt. Einige Umleitungen wegen Straßenbauarbeiten zwingen zum Befahren schlechter Landwege. Dank dem in der doppelt gefederten Gabel eingebauten ausgezeichnet wirkenden Öldruck-Stoßdämpfer und der Schwingachse des Beiwagens spüren wir die Schlaglöcher und Wegfurchen kaum. Das Gespann nickt und wippt nur in weichen Wellen.Der ruhige Lauf der Maschine läßt mich die Reisegeschwindigkeit unterschätzen. Ich bin jedenfalls überrascht, als ich nach 110 Kilometer Fahrt in Göttingen feststelle, daß wir für diese Strecke nur 1 Stunde 45 Minuten benötigt, also einen Durchschnitt von rund 63 km/Std. geschafft haben. Für die zweite Etappe Göttingen-Marburg (136 Kilometer) wird eine Reisedurchschnitt von 58 km/Std. und für den letzten Abschnitt Marburg-Frankfurt a. M. (91 Kilometer) ein Mittel von 57 km/Std. erreicht. Das ergibt einen mühelos gefahrenen Gesamt-Reisedurchschnitt von 59.5 km/Std. mit voll besetztem Seitenwagen einschließlich Gepäck. Auf der Rückreise wird von Oberursel aus ein Abstecher über die neue 12 Kilometer lange Feldberg-Rennstrecke bis zum annähernd 900 Meter hohen Großen Feldberg gemacht. Die Zündapp K500 erklimmt diese Bergstraße im dritten, streckenweise sogar im vierten Gang in genau 15 Minuten 35 Sekunden, also mit einem Durchschnitt von 46.2 km/Std.; zweifellos für ein mit zwei Personen besetztes 500-ccm-Tourengespann eine ausgezeichnete Leistung.

 

An der Preßstahlgabel bedindet sich u. a. ein ausgezeichnet wirkender Öldruckstoßdämpfer (1), sowie dicht am Steuerkopf die sehr gute (2) Diebstahlsicherung

 

Bleibt als letzter wichtiger Punkt der Brennstoff- und Ölverbrauch. Nach beendeter rund 800 Kilometer langer Fahrt habe ich knapp einen Liter Öl und rund 40 Liter Brennstoff (Benzin-Benzol), also rund 5 Liter für je 100 Kilometer Fahrt benötigt; ein sehr befriedigendes Ergebnis, wenn man bedenkt, daß außer meinem Beiwagenfahrer noch eine weitere Person auf dem Soziussitz hätte befördert werden können. Vor allem aber, und das scheint mir das wesentlichste Ergebnis dieser Prüfung zu sein, war die Fahrt in jeder hinsicht auf der Zündapp K500 ein wirklicher Genuß.

Dr. G. Baumgart

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